Andere Zähne

In den letzten Wochen erfuhr ich, dass ich in einem Land lebe, in dem man unbehelligt andersfarbige Menschen beleidigen kann, aber vor Gericht kommt, wenn man sein Kind nicht zum Zahnarzt bringt, vor allem wenn man andersfarbig ist. Jedenfalls musste Samsons Familie zum Jugendamt, um ihr Zahnarztverhalten vom Kinderschutzteam überwachen zu lassen. Das Jugendamt hat Samsonst Familie auch besucht. Die Kinder sahen fern und aßen Chips. Das warf ein schlechtes Licht auf Mama und Papa. Aber Mama und Papa haben nur ein Zimmer und wollten sich in Ruhe mit ihrem Besuch unterhalten, weil sie ihm Respekt erweisen wollten, also machten sie den Fernseher an, damit die Kinder ruhig waren. Mama ist schwanger und musste deshalb Chips essen, als die Kinder auch zugriffen, wollte sie nicht vor Fremden mit den Kindern streng sein, das gehört sich nicht. Das Jugendamt sagte: „Wir könnten Ihnen zeigen, wie sie ihre Kinder gesund ernähren und wie Sie ihnen Grenzen setzen“. Das Jugendamt sah auch in den Mund des Kleinsten und in den Kühlschrank. Es sah überall hin und sagte sehr oft, dass sie überwachen würden, ob die Familie zum Zahnarzt ginge. Die Schuldirektorin hatte sie angezeigt, weil sie der Anweisung des Schularztes nicht gefolgt waren und mit ihrem Ältesten nicht zum Zahnarzt gegangen waren. Aber die Direktorin hatte vergessen, die Schularztmitteilung an die Familie weiter zu geben. Als Samsons Mama trotzdem zum Zahnarzt ging, sagte der: „Ihm tut nichts weh, also mache ich nichts“. Das ist dem Jugenamt nun egal. Es ist auch ein bisschen beleidigt, weil die Familie die ihnen per Gesetzt zustehende Erziehungshilfe des Jugendamtes nicht in Anspruch nehmen möchte. Aber das Jugendamt sagte zum Abschied noch einmal: „Wir werden das kontrollieren, ob Sie zum Zahnarzt gehen!“

Samsons Mama sagt: „Aber noch seltsamer ist es bei meiner Schwester. Sie musste heute vor Gericht, weil sie angeblich mit ihren Kindern nicht zum Zahnarzt geht. Dabei war sie da, sie hat nur die Zettel nicht abstempeln lassen. Sie dachte, Zähne wären etwas Privates. Sie kann nicht so gut lesen“.

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Andere Zähne

Das Gespenst

Herr Moise wohnte mit seiner Familie in einer Wohnung in Berlin. Er hatte sogar einen Mietvertrag. Das hielt er für ein großes Glück. Mit dem Mietvertrag konnte er für seine 3 Kinder auch Kindergeld beantragen und weil er außerdem noch arbeitete, hatten sie genug Geld, um ein anständiges Leben zu führen. So sagte er und freute sich.

Nach ein paar Jahren bekam er von der Familienkasse einen Brief. Er konnte ihn nicht lesen, er sah nur eine große Summe und bekam einen Schreck. Am nächsten Tag fuhr er zu seiner Schwester, die schon ein bisschen Deutsch lesen konnte, und fragte sie, was in dem Brief stand. In dem Brief forderte die Familienkasse 10.000 Euro Kindergeld zurück, weil er sich seit einigen Jahren nicht mehr in Berlin aufgehalten habe. Herr Moise  wunderte sich, er hatte doch in Berlin gelebt, da war er sich ganz sicher. Träumte er?
Die Schwester fand heraus, dass sein Vermieter ihm vor ein paar Jahren bereits gekündigt hatte, ohne es ihm mitzuteilen. Warum, weiß keiner. Herr Moise hatte vor einem halben Jahr diese Wohnung sowieso verlassen und war in das Viertel seiner Schwester gezogen. Schon damals hatte er vom Vermieter keinen Brief mehr auf seine Kündigung erhalten.

Die Schwester und Herr Moise  gingen zu einer Beratungsstelle, um Raten bei der Familienkasse zu beantragen. „Wollen Sie denn nichts unternehmen?“, sagte die Beratungsstelle. „Nein“, sagten Herr Moise und seine Schwester. Sie hatten Angst, so hohe Schulden beim deutschen Staat zu haben, sie wollten kein Risiko eingehen, „wir wollen hier leben, also müssen wir reinen Tisch machen, nicht, dass die Polizei kommt“, sagten sie. Also zahlt Herr Moise 10.000 Euro in Raten ab, denn beweisen kann er nicht, dass er Deutschland gelebt hat. Er hat ohne Vertrag gearbeitet, das Geld auf die Hand bekommen,  nichts deutet darauf hin, dass es ihn überhaupt in den letzten Jahren in Deutschland gegeben hat. „Ich war ein Phantom“, sagt Herr Moise traurig, „ein Phantom, das Schulden gemacht hat, weil ich es noch nicht bis zum richtigen Menschen gebracht habe.“

Das Gespenst

Ein Kind

Cata ist eine junge Romni, die in Berlin zur Schule gegangen ist. Sie ist 16. Nachmittags hat sie auf ihre Geschwister aufgepasst, manchmal hat sie das gerne gemacht, weil es dann so aussah, als wäre sie schon groß und hätte eigene Kinder. Manchmal störte es sie und am liebsten hätte sie versucht, sie loszuwerden, um Deutsch zu lernen und Hausaufgaben zu machen. Manchmal sagte sie, sie möchte Friseuse werden.
Aber weil ihre Familie aber erst nach Deutschland kam, als sie schon 14 war, hat sie in das neue Land und all die verrückten Leben, die darin möglich sind, noch nicht so viel Vertrauen fassen können, dass sie nach der Schule den Weg eines richtigen Berliner Mädchens hätte einschlagen können. Also hat sie sich darauf konzentriert, eine Romni zu werden, wie ihre Mutter und ihr Vater es gerne sahen.

Sie fuhr im Sommer nach dem letzten Schultag nach Rumänien in ihr Dorf und verliebte sich. Nach zwei Monaten luden Cata und ihr Freund alle Leute aus dem Dorf ein, die noch  nicht in Deutschland waren, um mit ihnen Krautwickel zu essen, und nannten das Hochzeit. Im Herbst wurde Cata schwanger und beschloss mit ihrem Mann, nach Berlin zu kommen, zurück zu ihren Eltern und Geschwistern. Cata spricht sehr gut Deutsch. Sie ist klug. Sie sagt, sie sucht Arbeit und eine Wohnung. Im Moment lebt sie bei ihrer Mutter und ihrem Vater und ihren 9 Geschwistern. Ihr Mann ist bei seinem Bruder in einem anderen Viertel von Berlin. Vielleicht, sagt sie, werde ich doch noch Friseuse. Aber das ist mit einem großen Schwangerenbauch erstmal nicht möglich. Eine Wohnung zu finden, wenn man 16 ist und der Freund 19 und kein Einkommen hat, ist auch nicht denkbar.  Cata lebt zwischen zwei möglichen Leben und keins ist ihr und ihrer Familie genug und keins kann sie mit ihren eigenen Händen fassen. So, wie ihr Leben jetzt gerade ist, versteht sie es selbst nicht richtig.

Ein Kind

Ich sehe was, was Du nicht siehst!

Eine sehr nette Frau von Aktion Sühnezeichen kommt zu Besuch in die Gruppe. Die Frauen sind gekommen, weil sie gerne Ausflüge mit der netten Frau machen würden, das Gespräch heute ist zwar interessant aber sie sind auch nervös und nicht ganz bei der Sache, weil sie ihre Kinder bei den Männern gelassen haben und die Suppe noch nicht fertig ist.

„Die Nazis“ übersetze ich “ waren damals…“, Claudia unterbricht mich: „…auf der Straße?“. „Nein, sie waren an der Macht“, sage ich und Claudia staunt, wieso die Deutschen die Nazis haben regieren lassen. Sie vermutet, dass die Nazizeit dann wohl damals war, „als mein Vater nicht die deutsche Grenze überqueren durfte.“ Als ich sage, dass das nach den Nazis war, versteht sie die Welt nicht ganz.

Dann zeigt die nette Frau ein Foto von einer Demonstration 1979, bei der Roma Schilder tragen, auf denen steht, dass alle Menschen gleich viel wert seien. Sie erklärt, dass die Nazis nicht fanden, dass das stimmt. Claudia fragt: „Und wieviel sind die Roma jetzt wert?“

Dann sehen sich die Frauen ein Foto an, auf dem eine Krankenschwester einer Romni eine Farbpalette an die Augen hält, mittels derer sie angeblich feststellt, dass die Dunkeläugige eine Romni ist. Die Rassentheorie leuchtet den Frauen ein, weil sie zu absurd ist, als dass sie Unsinn sein könnte. Felicia sieht ihrer Nachbarin Dana in die Augen: „Stimmt, die Roma haben dunkle Augen. Die Nazis hatten recht.“ „Und was ist mit Rebeca?“ frage ich, weil Rebeca blaue Augen hat. „Sie hat auch dunkle Augen“, sagt Felicia. Ich lache sie an und frage sie, was sie zu meinen Augen sagt. „Die sind grün“, sagt Felicia, obwohl ich dunkelbraune Augen habe.

Wir reden auch über die Lager und die Morde. Am Schluss sagt Ana, dass sie sich vor allem an das Foto erinnert, auf dem ein kleines Romamädchen mit ihren Mitschülerinnen steht, die später nicht mehr zur Schule gehen durfte, weil sie Romni war. Das kann Ana sich vorstellen, alles andere ist so abstrakt, dass es ihr nur einen vagen Schauer über den Rücken jagt und sie ein bisschen stolz macht, weil die Gadsche in diesem Zusammenhang so anders als sonst über die Roma sprechen. Und weil es überhaupt einmal um sie geht.

Am Schluss wünschen sich alle Frauen die Ausflüge. Sie wollen das Mahnmal sehen und auch die Lager. „Hauptsache mal raus“, sagt Ana. „Und es ist auch interessant“, sagt Vivi, die sich dann doch gewundert hat, dass das Mahnmal erst gebaut wurde, als sie schon in Deutschland wohnte.

Ich sehe was, was Du nicht siehst!

Die Avocado bewegt sich… mit großen Autos

Im Deutschkurs üben wir lesen. Wir lesen Kinderbücher, Beipackzettel und Kochrezepte. Ich habe eins für Rhabarberkuchen ausgesucht. Aber die Frauen wissen nicht, was Rhabarber ist. „Diese Stängel… wir haben uns oft gefragt, warum jemand so ein komisches Gemüse kauft. Dass es süß ist hätten wir nicht gedacht. Und was sind diese grünen Dinger mit den Schuppen und diese orangenen tomatenähnlichen Früchte?“ Artischocken? Kakis? Wir beschließen schnell einen Ausflug zum Gemüsehändler zu machen.

Wir kochen eine Artischocke und Vivi sagt: Wir Kartoffel. Wir machen uns Ingwertee und Ana sagt: Das stärkt. Meine Mutter hatte mal so eine Wurzel im Garten, sie dachte es wäre eine Blumenwurzel. Und es hat tatsächlich gelb geblüht. Als eine Nachbarin fragte, was das für Blumen seien, hat meine Mutter gesagt, dass die Gadsche die Wurzeln essen und sie haben sich die Wurzeln ausgegraben und mit Salz gegessen. Wir essen ein bisschen Avocado, die findet keinen Anklang. Nächstes Mal gibt es Rhabarberkuchen.
Da wir angefangen haben, uns Fragen zu stellen, lernen wir das Wort „Warum“. Wir fragen uns und üben auch „weil“ zu sagen. Ich stelle die Frage „Warum ist es nachts dunkel?“. Olanda sagt, dass Gott dafür sorge. Genau wie für Sommer und Winter. Ich überlege, ob das eine ausreichende Antwort ist und schlage vor, dass wir auch die anderen fragen. Vivi sagt, in der Schule habe sie gelernt, dass die Sonne sich um die Erde drehe und dass deshalb Tag und Nacht hell und dunkel wären.

Ich nehme eine Avocado und lasse sie um die Teekanne kreisen. Vivi und die anderen erschrecken. Nicht die Teekanne dreht sich, sondern die Avocado. Ich erzähle ihnen schnell, dass auch vor langer Zeit einige Menschen furchtbar erschraken, als sie feststellten, dass sie sich auf einem beweglichen Etwas befanden.

Gut, dass du gefragt hast, sagt Vivi.
Ich denke an die Fragen einer deutschen Nachbarin. Sie hat gefragt, warum die rumänischen Roma-Nachbarn so dicke Autos haben. Woher sie das Geld hätten, wenn sie immer so täten, als wären sie arm. Wen sie da ausbeuteten, damit sie diese Schlitten erstehen könnten, die sie sich selbst nie leisten könnte.

Warum ist es manchmal so dunkel im Kopf? Ich rufe Gheorghe an. Er bestätigt mir, was ich schon weiß, dass die Besitzer von solchen Autos ihre Wagen zum Arbeiten benutzen. Minibusse zum Transportieren von Alteisen und Müllsäcken, Familien, Waren, Kindern. Große Pkws, um darin zu reisen, zu schlafen – wenn es sein muss. Er sagt: „Ein Auto ist für einen Rom das allerwichtigste überhaupt. Er arbeitet damit, er lebt darin, er schläft darin. Das Auto ist der Nachfolger der Carutza, des Planwagens. Wir brauchen diese Autos. Wir leben mobil, arbeiten im Sommer hier und dort, suchen überall nach Arbeit, besuchen unsere Familie. Und mein Auto sieht zwar aus wie eins, das 200.000 Euro kostet, aber ich habe es in Rumänien von jemandem gebraucht für 1500 Euro bekommen.“ Ich bedanke mich und vermute, dass die deutsche Nachbarin vielleicht auch gerne so ein Auto hätte und dass sie nie eins kriegen wird, weil sie sich weigert, mit ihren Nachbarn zu sprechen. Sie würden ihr bestimmt eins besorgen.

Die Erde bewegt sich, die großen Autos auch, die Nachbarin nicht. Da hilft kein Warum.

Die Avocado bewegt sich… mit großen Autos

Die deutsche Frau nickt

Loredana ist 25 und wohnt mit ihrem Mann in Berlin. Eigentlich wohnt sie nicht, weil sie keine Papiere hat. Sie wohnt unsichtbar beim Bruder ihres Mannes. Sie sind zum Arbeiten gekommen, ihre vierjährige Tochter ist in Rumänien bei der Oma geblieben. „Das ist schwer“, sagt Loredana. Sie sagt das auf englisch zur deutschen Frau, die sie beraten soll. Denn Loredana ist schwanger. Zuerst war sie mit Zwillingen schwanger, aber einen hat sie eines nachts verloren, es ist viel Blut geflossen. Sie fühlt sich fiebrig. Sie hat eine Infektion. Bakterien, sagt sie. Die deutsche Frau fragt, ob es dem anderen Fötus gut geht. Loredana schüttelt den Kopf. „Ich möchte abtreiben“, sagt sie, „ich sehe für das Kind keine Zukunft. Wir haben keine Wohnung, keine Arbeit, keine Papiere“.

Am Abend vorher hat Loredana mich angerufen und gefragt, ob ich ihr eine Wohnung und Arbeit besorgen könnte, wenigstens eine polizeiliche Anmeldung. Ich konnte ihr das nicht versprechen. „Dann ist es entschieden“, sagt sie.

„Sind Sie also ganz sicher, dass Sie abtreiben wollen?“, fragt die deutsche Frau. Loredana nickt. Sie möchte eine möglichst günstige Abtreibung, sie hat Angst, dass sie 500 Euro bezahlen muss. „Ich möchte das Kind nicht“, Loredana nickt nocheinmal Die deutsche Frau nickt auch.

Ich denke daran, dass mich am Abend vorher, nachdem Loredana mich angerufen hat, ein Journalist fragte, warum die Roma so viele Kinder hätten und ob sie damit ihrem Ruf bei den Deutschen nicht selber schaden würden….
Als ich jetzt sehe, wie schnell die deutsche Frau nickt, denke ich wieder an diese Frage und daran, dass ich darauf keine Antwort gegeben habe.

Die deutsche Frau nickt

Staatsschulden

Herr Zola hat für einen Chef gearbeitet, der ihm 900 Euro im Monat bezahlte und ihn für 800 Euro in einer Firmenwohnung wohnen ließ. Beides, das Arbeiten und das Wohnen, war schwarz, ohne Papiere, keine Anmeldung. Herr Zola freute sich, dass er ein Dach über dem Kopf hatte, aber mit 100 Euro konnte er seine Familie nicht ernähren. Er konnte auch kein Jobcentergeld beantragen oder Kindergeld. Auf diese Weise, sagte Herr Zola, bleibe ich dem deutschen Staat wenigstens nichts schuldig.

Staatsschulden