Nach Braila!

Iasmina kommt mit ihrer Mutter zu mir, sie bringen Hörnchen mit und sagen, dass ich zu den anderen Frauen aus dem Dorf schweigen soll. „Über was“, frage ich.
Iasmina erzählt, wie sie im letzten Jahr zu Ostern so sehr mit ihrem Mann getritten hat, dass sie ihre Kinder genommen hat und sich in die U-Bahn gesetzt hat. Sie hat ihre Mutter abgeholt und ist mit ihr durch die Einkaufszentren spaziert. Einmal hat ihre Mutter ihr einen kleinen Kinderpullover gezeigt und sie hat ihn, noch immer voller Wut auf sich, ihren Mann und das Leben genommen und einfach in die Tasche gesteckt. „Mein Leben lang werde ich das nicht mehr machen, wie dumm konnte ich sein“, sagt sie und zeigt mir zwei Briefe. Einen für die Mutter, einen für sich. Beide müssen 570 Euro Strafe zahlen, sind schon verurteilt, so lange haben sie darüber geschwiegen. Ich wundere mich, dass die Mutter auch zahlen muss, aber die Polizei hat gesagt, dass Iasmina den Pullover aus ihrer Hand genommen hat und dass sie deshalb auch schuld ist. Die Mutter sagt, dass ihr das jetzt egal sei, sie habe zwar nicht gewusst, was Iasmina mit dem Pullover getan habe aber sie zahle jetzt und dann sei es vorbei, ihr Mann dürfe nichts erfahren, sonst würde er bestimmt furchtbar wütend. „Und sag den anderen Frauen nichts, dann wären wir tot“.

Iasmina hat noch einen Brief. Sie soll innerhalb der nächsten drei Tage ihren Sohn in der Schule anmelden, sonst käme die Polizei. Der Brief ist zehn Tage alt. Ich rufe im Schulamt an. Der Mann dort sagt mit müder Stimme, er habe die Polizei schon verständigt, sie würden die beiden holen, aberer könnte sie noch einmal zurück pfeifen. „Ja“, sage ich, „pfeifen Sie bitte“. Dann machen wir einen Termin mit der Schule. Iasmina rauf sich die Haare: „Er ist doch in der Kita, sind die verrückt, dass er in die Kita und gleichzeitig in die Schule gehen soll?“ „Zum Sommer! Zum Sommer sollst du in anmelden“, sage ich und alles ist klar. Iasmina nickt. Sie sagt: „Die Deutschen gefallen mir, sie sind streng, es ist nicht mit ihnen zu spaßen, aber deshalb sind sie reich. In Rumänien nagen wir am Hungertuch“

„Findest du die Schule?“, frage ich. „Ja, es haben schon Blinde bis nach Braila gefunden.“ „Was?“ Braila ist eine Stadt im Süden Rumäniens. „Es gab einen Blinden bei uns im Dorf und er hat ins Nachbardorf gefunden“, erklärt Isamina mir das Sprichwort.

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