Die Avocado bewegt sich… mit großen Autos

Im Deutschkurs üben wir lesen. Wir lesen Kinderbücher, Beipackzettel und Kochrezepte. Ich habe eins für Rhabarberkuchen ausgesucht. Aber die Frauen wissen nicht, was Rhabarber ist. „Diese Stängel… wir haben uns oft gefragt, warum jemand so ein komisches Gemüse kauft. Dass es süß ist hätten wir nicht gedacht. Und was sind diese grünen Dinger mit den Schuppen und diese orangenen tomatenähnlichen Früchte?“ Artischocken? Kakis? Wir beschließen schnell einen Ausflug zum Gemüsehändler zu machen.

Wir kochen eine Artischocke und Vivi sagt: Wir Kartoffel. Wir machen uns Ingwertee und Ana sagt: Das stärkt. Meine Mutter hatte mal so eine Wurzel im Garten, sie dachte es wäre eine Blumenwurzel. Und es hat tatsächlich gelb geblüht. Als eine Nachbarin fragte, was das für Blumen seien, hat meine Mutter gesagt, dass die Gadsche die Wurzeln essen und sie haben sich die Wurzeln ausgegraben und mit Salz gegessen. Wir essen ein bisschen Avocado, die findet keinen Anklang. Nächstes Mal gibt es Rhabarberkuchen.
Da wir angefangen haben, uns Fragen zu stellen, lernen wir das Wort „Warum“. Wir fragen uns und üben auch „weil“ zu sagen. Ich stelle die Frage „Warum ist es nachts dunkel?“. Olanda sagt, dass Gott dafür sorge. Genau wie für Sommer und Winter. Ich überlege, ob das eine ausreichende Antwort ist und schlage vor, dass wir auch die anderen fragen. Vivi sagt, in der Schule habe sie gelernt, dass die Sonne sich um die Erde drehe und dass deshalb Tag und Nacht hell und dunkel wären.

Ich nehme eine Avocado und lasse sie um die Teekanne kreisen. Vivi und die anderen erschrecken. Nicht die Teekanne dreht sich, sondern die Avocado. Ich erzähle ihnen schnell, dass auch vor langer Zeit einige Menschen furchtbar erschraken, als sie feststellten, dass sie sich auf einem beweglichen Etwas befanden.

Gut, dass du gefragt hast, sagt Vivi.
Ich denke an die Fragen einer deutschen Nachbarin. Sie hat gefragt, warum die rumänischen Roma-Nachbarn so dicke Autos haben. Woher sie das Geld hätten, wenn sie immer so täten, als wären sie arm. Wen sie da ausbeuteten, damit sie diese Schlitten erstehen könnten, die sie sich selbst nie leisten könnte.

Warum ist es manchmal so dunkel im Kopf? Ich rufe Gheorghe an. Er bestätigt mir, was ich schon weiß, dass die Besitzer von solchen Autos ihre Wagen zum Arbeiten benutzen. Minibusse zum Transportieren von Alteisen und Müllsäcken, Familien, Waren, Kindern. Große Pkws, um darin zu reisen, zu schlafen – wenn es sein muss. Er sagt: „Ein Auto ist für einen Rom das allerwichtigste überhaupt. Er arbeitet damit, er lebt darin, er schläft darin. Das Auto ist der Nachfolger der Carutza, des Planwagens. Wir brauchen diese Autos. Wir leben mobil, arbeiten im Sommer hier und dort, suchen überall nach Arbeit, besuchen unsere Familie. Und mein Auto sieht zwar aus wie eins, das 200.000 Euro kostet, aber ich habe es in Rumänien von jemandem gebraucht für 1500 Euro bekommen.“ Ich bedanke mich und vermute, dass die deutsche Nachbarin vielleicht auch gerne so ein Auto hätte und dass sie nie eins kriegen wird, weil sie sich weigert, mit ihren Nachbarn zu sprechen. Sie würden ihr bestimmt eins besorgen.

Die Erde bewegt sich, die großen Autos auch, die Nachbarin nicht. Da hilft kein Warum.

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