Roxana ist melancholisch

Vor Ostern ist Roxana traurig, weil sie und ihre Familie nicht zu den Großeltern nach Rumänien fahren werden. „Ich hatte solche Sehnsucht nach ihnen und nach den Tulpen und den Rosen.“ Sie fahren nicht, denn sie haben kein Geld, weil ihr Mann über den Winter bei Firma unter Vertrag stand, die für Straßenreinigung, Schneeschaufeln und Salzstreuen zuständig ist. Seit Januar hat er sein Geld nicht mehr bekommen. Ich sage, sie sollen zum Anwalt gehen, wenn sie schon einen Vertrag haben.

Am nächsten Tag ist Roxana noch trauriger. Ihr Mann hat dem Chef mit dem Anwalt gedroht, aber der Chef, der eigentlich nur der Chefgeldausteiler ist, hat gelacht und gesagt, sie sollten ruhig vor Gericht gehen, alle Arbeiter hätten ihm schließlich ihre Rechnungen gegeben und er hätte auf jede seinen Stempel gedrückt: Barzahlung erfolgt. Die Kopien hätte er in seiner Mappe. Unterschrieben hätten auch alle, „diese Analfabeten!“. Er hätte also kein Problem mit dem Anwalt oder der Polizei.

Roxana sagt, sie hat noch 15 Euro, weil sie im Park selbstgemachtes, karamellisiertes Popcorn verkauft hat. Und sie hat Kopfschmerzen. Ihr Mann sieht mich an und fragt, was er tun kann, Roxana wäre so melancholisch, so hätte er sie noch nie gesehen. „Dabei geht es doch immer voran. Ich verkaufe das Auto und morgen fange ich bei einer Baustelle an, die Chefs dort sind Rumänen, gute Jungs, die zahlen bestimmt“.

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Roxana ist melancholisch

Zwei Wunder, drei Zimmer

Camelia erzählt, dass sich ein Wunder ereignet hat. Sogar zwei. Das eine ist, dass eine Frau aus ihrem Dorf, die aussieht wie ein Engel, blond und helläugig, kein Kind bekommen konnte. Dass ihr Mann ins Ausland ging, um bestimmte Spritzen bezahlen zu können, von denen sie am Ende doch ein Baby gebar. Dass dieses Kind nach drei Lebensjahren aber Leukämie bekam und die Ärzte dem Kind, das aussah wie das Engelskind eines Engels, nur noch wenige Monate zu Leben gaben. Dass aber die ganze Kirchengemeinde der Pfingstler beim Gottesdienst für das Kind gebetet hat, weil niemand wollte, das der engelsgleichen Frau das gottgeschenkte Kind wieder genommen wurde. Camelia sagt:“ ich bekomme Gänsehaut, wenn ich mich erinnere, wie das Gebet an dieser Stelle zu einem Gebrüll wurde, wir haben Gott angeschrieen. Und siehe da, gestern hat mir die Nachbarin erzählt, dass das Kind gesund ist!“

Das zweite Wunder ist, dass Camelia im Internet eine Wohnung gefunden hat. Sie wohnt mit fünf Kindern und ihrem Mann in einem Zimmer. Das Bad hat ein Loch in der Decke und in der Küche funktioniert das warme Wasser nicht mehr. Die neue Wohnung ist am Westhafen. Sie sagt: „Aber da wohnt niemand! Ich weiß nicht, ob ich dort hinziehen kann. Ich habe da niemanden! Jemanden zu haben, der mit einem redet, ist fast schon zwei Zimmer wert…, oder?“

Zwei Wunder, drei Zimmer

Sonnenfinsternis und andere Dunkelheiten

„Weißt du, wie wir bei der letzten Sonnenfinsternis die Sonne angesehen haben? Wir waren noch zu Hause in Rumänien und meine Mutter hatte damals schon Probleme mit den Beinen. Sie hatte mehrere Röntgenbilder von ihren Knöcheln. Und die haben wir uns vor die Augen gehalten. Mama sagte zu uns, wir sollten an den Knochen vorbeigucken, sonst würden wir blind“, Amaris lacht und erinnert sich auch noch an rußgeschwärzte Glasscherben bei den Nachbarskindern.

Dann zeigt sie mir Fotos auf ihrem Handy. Zuerst von ihrer Mutter. Danach von ihren Brüdern, die inzwischen in Italien wohnen. Danach von ihrer Wohnung.Ich sage, sie soll zum Anwalt gehen.

In der Küche ist kein Waschbecken und kein Boiler, dafür ist alles voller Schimmel. In der ganzen Wohnung funktioniert auch nur eine Steckdose. „Woher kommt er Schimmel?“, frage ich. „Das Dach ist undicht“, sagt sie, „die Wand wird dunkel, wenn es regnet.“

Sie sagt, sie hat aber keine Lust umzuziehen, weil die Kinder an Hämophilie leiden und es so umständlich ist, alles an der Schule für sie zu organisieren. Sie kann kein Deutsch und das Anstrengendeste ist immer, die Gadsche an der Schule, die Lehrer und Direktoren, davon zu überzeugen, dass man ganz normal ist und seine Kinder gut versorgt. Auch an der Schule, zu der ihre Kinder jetzt gehen, haben die Lehrer zuerst gedacht, sie wäre eine „Zigeunerin“, die ihre Kinder vernachlässigt und haben veranlasst, dass die Kinder zwangseingeschult werden. Dabei hatten die Lehrer nur vergessen, der Frau in einer ihr verständlicher Sprache mitzuteilen, dass die Kinder ab August einen Schulplatz haben.Alle Briefe, Warnungen und Mahnungen waren auf Deutsch verfasst. Alle Gespräche waren ohne Dolmetscher gelaufen.

Amaris sagt, ja, sie will wegen der Wohnung einen Anwalt. Auch, weil der Hausbesitzer vor einer Woche einen Zettel in den Briefkasten geworfen hat, auf dem stand, dass alle Hausbewohner noch jeweils tausend Euro Nachzahlung überweisen sollen. Sie lacht. Das Leben in Deutschland ist schön und manchmal auch so absurd, als würde man die Sonne durch die abgelichteten Knochen seiner Mutter betrachten.

Sonnenfinsternis und andere Dunkelheiten

Madalina und Nessrin

Im Deutschkurs lernen wir noch einmal die Uhrzeit lesen. Neue Schülerinnen sind dazu gekommen. Nessrin aus dem Libanon zum Beispiel. Und Madalina aus Rumänien. Beide kneifen die Augen zusammen und stottern, wenn sie etwas vorlesen sollen, sie sind sehr aufgeregt. Nessrin sagt, dass es für sie sehr schwer ist zu lesen, auch wenn sie schon einen Integrationskurs besucht hat. Sie sagt auch: „Ich bin zu Hause nur 4 Jahre zur Schule gegangen, ich kann nicht gut schreiben und lesen“. Madalina strahlt und sagt: „Ich bin auch nur 4 Jahre zur Schule gegangen“.

Madalina hat nach der Schule zu Hause im Haushalt geholfen, sie hat geheiratet, gekocht und geputzt. Bei ihr im Dorf geht keine verheiratete Frau zur Schule oder überhaupt besonders viel aus dem Haus. Nessrin sagt: „Ich war nicht mehr in der Schule wegen Bombe“. Alle Frauen erschrecken, weil sie vergessen haben, dass es noch ein anderes Leben geben kann, als ihr eigenes, in dem nie eine Bombe gefallen ist, aber trotzdem so viel Anstrengung und Sorgen den Tag bestimmen.

Madalina hat auch einen Brief vom Jobcenter dabei. Die Jobcenterangestellten sagen seit drei Monaten, sie bearbeiten ihren Fall. Aber Madalina braucht eine Weiterbewilligung, damit ihr Sohn an der Niere operiert werden kann. „Ich brauche den Stempel von der Krankenkasse“, sagt Madalina und seufzt. Nessrin sieht sie an und sagt, dass sie in der nächsten Woche arabisches Kräuterbrot mitbringt, damit sie alle zusammen frühstücken können.

Madalina und Nessrin

Nach Braila!

Iasmina kommt mit ihrer Mutter zu mir, sie bringen Hörnchen mit und sagen, dass ich zu den anderen Frauen aus dem Dorf schweigen soll. „Über was“, frage ich.
Iasmina erzählt, wie sie im letzten Jahr zu Ostern so sehr mit ihrem Mann getritten hat, dass sie ihre Kinder genommen hat und sich in die U-Bahn gesetzt hat. Sie hat ihre Mutter abgeholt und ist mit ihr durch die Einkaufszentren spaziert. Einmal hat ihre Mutter ihr einen kleinen Kinderpullover gezeigt und sie hat ihn, noch immer voller Wut auf sich, ihren Mann und das Leben genommen und einfach in die Tasche gesteckt. „Mein Leben lang werde ich das nicht mehr machen, wie dumm konnte ich sein“, sagt sie und zeigt mir zwei Briefe. Einen für die Mutter, einen für sich. Beide müssen 570 Euro Strafe zahlen, sind schon verurteilt, so lange haben sie darüber geschwiegen. Ich wundere mich, dass die Mutter auch zahlen muss, aber die Polizei hat gesagt, dass Iasmina den Pullover aus ihrer Hand genommen hat und dass sie deshalb auch schuld ist. Die Mutter sagt, dass ihr das jetzt egal sei, sie habe zwar nicht gewusst, was Iasmina mit dem Pullover getan habe aber sie zahle jetzt und dann sei es vorbei, ihr Mann dürfe nichts erfahren, sonst würde er bestimmt furchtbar wütend. „Und sag den anderen Frauen nichts, dann wären wir tot“.

Iasmina hat noch einen Brief. Sie soll innerhalb der nächsten drei Tage ihren Sohn in der Schule anmelden, sonst käme die Polizei. Der Brief ist zehn Tage alt. Ich rufe im Schulamt an. Der Mann dort sagt mit müder Stimme, er habe die Polizei schon verständigt, sie würden die beiden holen, aberer könnte sie noch einmal zurück pfeifen. „Ja“, sage ich, „pfeifen Sie bitte“. Dann machen wir einen Termin mit der Schule. Iasmina rauf sich die Haare: „Er ist doch in der Kita, sind die verrückt, dass er in die Kita und gleichzeitig in die Schule gehen soll?“ „Zum Sommer! Zum Sommer sollst du in anmelden“, sage ich und alles ist klar. Iasmina nickt. Sie sagt: „Die Deutschen gefallen mir, sie sind streng, es ist nicht mit ihnen zu spaßen, aber deshalb sind sie reich. In Rumänien nagen wir am Hungertuch“

„Findest du die Schule?“, frage ich. „Ja, es haben schon Blinde bis nach Braila gefunden.“ „Was?“ Braila ist eine Stadt im Süden Rumäniens. „Es gab einen Blinden bei uns im Dorf und er hat ins Nachbardorf gefunden“, erklärt Isamina mir das Sprichwort.

Nach Braila!

Paparuda

Nachdem die Frauen im Deutschkurs lernen, wie man wenigstens grammatikalisch über die Zukunft reden kann, nachdem Georgiana erzählt hat, dass sie gerade für drei Euro die Stunde in einem Fünf-Sterne-Hotel arbeitet, weil eine angestellte Serbin ihr ihren Arbeitsplatz verkauft hat, finden wir auf einem Bild im Deutschbuch einen Schmertterling. Milena aus Bulgarien sagt, dass Schmetterling auf Bulgarisch Paparuda heißt. Simona aus Rumänien sagt, dass Schmetterling auf Romanes auch Paparuda heißt. Milena versteht nicht, was Romanes ist und Simona sagt: „Zigeuner“. Alle nicken und sehen sich an.
Dann sagt Georgiana aus Bukarest, dass Paparuda auf Rumänisch nicht Schmetterling heißt und dass eine Paparuda eine Frau ist, die sich in Lumpen gekleidet hat und einen Blumenkrone aufgesetzt hat und mit anderen Paparude-Frauen bei Dürre über die Felder zieht, damit der Regen kommt.
Simona erzählt, dass sie bei Dürre früher manchmal kleine Männchen aus Lehm geknetet haben, dass sie ihnen Kamillenblüten als Augen in den Kopf gesteckt haben und die Stengel der Blumen als Mund und Nase. Dann sind sie mit den Lehmmännlein durchs Dorf gezogen, als wäre jemand gestorben, denn die Männlein machte man auch für Tote, und auf dem Weg schütteten alle Frauen das Wasser, was sie von der Arbeit noch in den Eimern hatten, alle Reste, die sie fanden, auf die Straße. Als würde ein Toter vorbei getragen. Damit es anfing zu regnen.
Milena lacht. Sie strahlt. „Das macht man bei uns zu Hause auch so“, sagt sie und alle erinnern sich und sind froh.

Nur Nezrin aus dem Libanon sieht ein bisschen traurig aus und sagt, sie will jetzt weiter Grammatik lernen.

Paparuda

Tabletten gegen Wütendsein

Raisa sitzt mit mir im Wartezimmer wegen einer Schilddrüsenangelegenheit. Sie sieht auf ihr Handy und sagt: „Seit ich das Telefon habe, bin ich nicht mehr dumm“. Ich nicke und weiß, dass ihre Mutter ihr verboten hat, in Rumänien eine Schule weiter zu besuchen, weil sie schon verheiratet war. Mit 20. Und dass sie jetzt mit ihrem Telefon alle möglichen Krankheiten und Organe googelt und Deutsch lernt und sich über das U-Bahn-Netz informiert.

Raisa sagt, ihre Mutter sei heute glücklich, weil sie auf der Straße wunderschönes Geschirr gefunden habe, als wäre es aus Gold. Ganz leicht wie echtes Porzellan. Und dass alle Nachbarinnen heute zu Besuch gekommen wären, um das Geschirr zu streicheln. Raisa ist heute nicht so glücklich, sie hat mit ihrer Tante in Rumänien telefoniert und ist traurig geworden. Ihre Tante sagt, in Rumänien könnte keiner mehr leben. Sie lebe gerade nur von eingeweichten Bohnen, Sauerkraut und Maisbrei. „Hast du noch Holz für den Ofen?“, hat Raisa gefragt und die Tante hat sehr glücklich gesagt: „Ja, für eine Woche noch!“. Raisa hat Tränen in den Augen und wiederholt es nochmal, falls ich es nicht verstanden habe: „Sie hat das sehr gücklich gesagt“.

Raisa sagt, sie könne heute und überhaupt nicht mit einem leichten Geschirr glücklich gemacht werden. Sicher sei das nicht gottesfürchtig, aber sie wäre heute sehr wütend gewesen. Im Lidl, bei dem sie alle einkaufen, habe sie immer schon gedacht, sie bezahle zu viel, aber heute hätte ein Stück Schafskäse, eine Packung Bierschinken, zwei Pakete Wasserflaschen und ein Toastbrot 19 Euro gekostet und da habe sie sich umgedreht und zur Verkäuferin sehr laut und mit roten Wangen gesagt: „Entschuldigung, Frau. Ich bin aus Rumänien und ich kann nicht gut Deutsch, aber hier klaut immer!“ Und dann habe sie 10 Euro zurück bekommen.

Raisa seufzt. Dann hebt sie mir ihr Handy vor die Augen. „Hier steht ja auch, bei Schilddrüsenerkrankung wird man leicht wütend. Der Doktor gibt mir doch Tabeletten, hoffe ich.“

Tabletten gegen Wütendsein